7.8.13

Puppenstadt

 
Als Kind war es das Lieblingsbuch meiner Mutter. Wir haben es als Kinder auch viel geschunden; man sieht es ihm an. Die Beschädigungen wurden aber immer sorgfältig verklebt.

Der Autor des einfachen Reims ist der vorzügliche ungarische Literat György Sárközi. Er war jüdischer Zwangsarbeiter und wurde im Jahr 1945 ums Leben gebracht. Interessant ist, dass das Buch 1955 – in den tiefsten Diktaturzeiten – verlegt wurde, der Text jedoch, geschrieben für Vier- bis Fünfjährige, ein mittelständiges Alltagsleben wachruft und schildert, das nicht mehr existiert. Die deutsche Übersetzung hat diese Fremdheit etwas gedämpft.

Morgens am Lavor waschen. In der Schulbank sitzend die Schiefertafel mit Griffeln beschreiben. Nachmittags auf die Kuckucksuhr achten. Die große Wäsche im Waschtrog machen. Damals alltägliche Sachen, die heute in Vergessenheit geraten sind oder merkwürdig anmuten. Ein Zeitdokument. Illustriert von Anna Győrffy.

Mit dem frischen Blick eines Erwachsenen ist das ganze Buch ein bißchen albern, aber soweit ich mich erinnere, habe ich vor allem die Rundheit und Weichheit der Illustrationen und Pastelltöne geliebt. So weich wie der feine Schatten auf dem Hals einer Zweijährigen, ein kleines Tal zwischen den Sehnen.


(Von links nach rechts kann man zusehen)

im Puppenstadt erhebt sich die Sonne hell und klar,
Die Püppchen all' erwachen mit arg zerzaustem Haar.
Sie reiben sich verschlafen die Kleinen Äugelein
Un wünschen "Guten Morgen!" dem gold'nen Sonnenschein.


Eins zwei; nun aus den Federn! Schon sind die Betten leer.
Jetzt schnell mit frischem Wasser, mit Schwamm und Seife her!
Und lacht die liebe Sonne im lichten Strahlenkleid,
Dann stehn auch schon die Püppchen zum Morgentrank bereit.

Gefrühstückt wird im Garten zu früher Morgenstund',
Von guter fetter Kuhmilch wird Püppchen kugelrund.
Wie fein ist Honigkuchen und Kuchen überhaupt!
Noch feiner sind Rosinen, die man herausgeklaubt.

Dem Puppenbübchen leuchten dei Augen wie zwei Stern',
Hates doch Marmelade auf Butterbrot so gern.
Nun Karo seufzt bekümmert und tut sich furchtbar leid,
Denn Knochen gibt es leider erst in der Mittagszeit.

Das ganze feine Frühstück, sie essen es im Nu,
Dann gehn die Mädels spielen, die Buben schauen zu.
Die Puppen führe Püppchen, die noch viel kleiner sind,
So lernt am Ende gehen in jedes Puppenkind.

Das Kindlein tut ein Schritten, und hält beim Wagen an,
Es tut ein zweites Schrittchen und streichelt Karo dann.
Jetzt kommt das dritte Streichen - das war auch gut gemacht!
Da klammert es sich fröhlich ans Mütterchen und lacht.

Wenn dann im Herbst am Morgen die Kuckucksuhr schlägt acht.
Was das manch kleiner Puppe für ernste Sorgen macht.
Und kaum ist ausgetrunken der süss Milchkaffe,
Da heisst's: Nun ind die Schule und lernt das ABC!

Mit Fibel, Tafel, Schreibzeug im grossen Ranzen drin,
Marschier'n die kleinen Püppchen gradwegs zur Schule hin.
Die nagelneue Weisheit im Köpfchen allerdings
Weicht leichter als der Flügel des zarten Schmetterlings.

Von Luft kall keiner leben, nein, nirgends auf der Welt,
Drum geht man hin zum Kaufmann, der gute Waren hält.
Denn Schinken, Wurst und Käse, auch Zucker, Salz und Quark
Und süsse Sahne machen die kleinen Puppen stark.

Es spricht die eine Hausfrau zur Obstverkäuferin:
"Wenn Sie nicht besser wiegen, geh' ich woandershin!"
Dann sagt die andre Hausfrau, die auch ein Püppchen hat:
"Ja, wiegen sie nur besser, sonst wird main Kind nicht satt!"

Was früher rein und weiss war, wird schumtzig mit der Zeit,
Das Tischtuch mit den Fecken verlangt nach Sauberkeit.
Nun her denn mit dem Waschtrog, ihr Puppenkinderlein!
Mit einer grossen Wäsche wird alles wieder rein.

Sind Taschentücher, Höschen und Hemden wieder weiss,
Hängt man sie auf die Leine, die Sonne scheint so heiss.
Ihr goldnes Bügeleisen fährt sanft darüber hin,
Schnell trocknet so die Wäsche der kleinen Wäscherin.



Die Hausfrau in der Küche bemüht sich gar erhitzt,
Dass keiner hungrig bleibe, der hier am Tisch sitzt.
Schon surrt's und brummt's und brodelt's in allen Töpfen klein,
Der Speck mit Bohnensuppe, schmekt heut' besonders fein.


An solchen Grosswaschtagen, das ist ein alter Brauch,
Da gibt's nur wenig Gänge, das wisst ihr Kinder auch.
Doch tröstet sich ein jeder, denn alle werden satt:
Nur der kriegt nichts zu essen, der nichts geleistet hat.

Wie schön ist's nach dem Essen mit Freunden auszugehn
Und bei der Blumentante die Blumen anzusehn.
Dort bleibt man plaudernd stehen für eine Viertelstund',
Lässt sich ein Sträusschen binden aus Blumen zart und bunt.

Aus den kleinen Töpfen, die ich da blühen seh'
Vermischen sich die Düfte und steigen in die Höh'.
Und wenn ein feinen Düftchen den Himmel nicht erreicht,
ein Puppenherz zu finden, gelingt ihm immer leicht.

Im Nachbarhause wohnet Tante Mariann',
Da tritt nun die Familie mit Kind und Kegel an.
Die Tante hat geburstag, so wird sie nun begrüsst,
Ein ganzer Wald von Blumen ihr diesen Tag versüsst.

"Wir wünschen, liebe Tante, sollst leben noch sehr lang,
Erfüllt sei deine Seele mit Frohsinn und Gesang,
Dein kleinse Puppenherzen sei voller Lust und Freud',
Das wünschen wir dir alle von ganzem Herzen heut!"


In Puppenstadt, im Sommer sind alle Stassen leer,
denn heiss scheint dort dis Sonne; die Puppen leiden sehr.
Die frische Limonade kühlt nur für kurze Zeit,
Drum machen sich die Puppen zur Ferienfahrt bereit.

Und so beginnt die Reise, die frohe Sommerfahrt,
Bezahlt mit Puppengelde, zu winterzeit gespart.
Die bunten Siebensachen verpackt im Koffer sind,
Die kleinen Püppchen lachen, der Zug fährt ab geschwind.

Gab viele Abenteuer ereignen sich im Feld,
Den Löwen zu bekämpfen, dazu gehört ein Held.
Doch bei den Puppenburschen, de gibt es Mut genug,
Sie spielen Indianer mit Lanz' und Federschmuck.

Und brüllt der kleine Löwe, von einem Blatt verdeckt,
Was tut's? Im Puppenherzen viel Löwenkühnheit steckt.
Die Puppe steht auf Posten, sie weicht und wanket nicht,
Wer blickt noch den Gefahren so kühn ins Angesicht?

Es fällt schon von den Bäumen das letzte gelbe Blatt,
Dann hält der grimme Winter bald Einzug in die Stadt.
Die Puppenörchen frieren, der Frost zum Niesen reizt,
In allen Puppenstübchen wird tüchtig eingeheizt.

Nun setzt euch an den Ofen, im Kreis um ihn herum,
Und hürt der hellen Flammen gemütliches Gesumm'.
verschneit sind alle fenster, im Schornstein pfeift der Wind,
Doch glücklich sind die Herzen, die warm von Liebe sind.

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